44 Tote bei Zugunglück in Montenegro 



Schwerste Eisenbahnkatastrophe in Europa seit Eschede - Bremsen des vollbesetzten Zugs versagten


Podgorica - Bei dem schwersten Zugunglück in Europa seit 1998 sind in Montenegro mindestens 44 Menschen gestorben. Mehr als 198 Menschen wurden verletzt, als am Montag abend ein vollbesetzter Personenzug mit rund 300 Passagieren im Umland der Hauptstadt Podgorica entgleiste und in eine Schlucht stürzte. Unfallursache war nach Angaben des Innenministeriums ein Versagen der Bremsen. 1998 waren bei einem Zugunglück im niedersächsischen Eschede 101 Menschen gestorben. 


Unter den Fahrgästen waren viele Familien, die aus den Skiferien zurückkehrten. Der Leiter des Krankenhauses von Podgorica, Miodrag Djurovic, sagte, mindestens fünf der Toten seien Kinder. 34 Kinder würden noch immer stationär behandelt. "Sechs wurden operiert." Zwölf der Verletzten würden auf der Intensivstation behandelt. Die Anteilnahme in der Bevölkerung war groß. Vor der Klinik in Podgorica warteten Hunderte Menschen die Nacht über auf Neuigkeiten. 2000 Menschen spendeten Blut. Hotels brachten zahlreiche Überlebende und Angehörige unter. 


Kälte und ein eisiger Wind erschwerten die Rettungsarbeiten, die auch am Dienstag noch andauerten. Ein Überlebender sagte, er sei in einem Waggon gewesen, der nicht entgleist und in einem Tunnel stehengeblieben sei. "Wir hatten Glück wegen des Tunnels", fügte er hinzu. Es sei der letzte Waggon des Zugs gewesen. Die vorderen Wagen habe es härter getroffen. Viele Menschen hätten in Panik geschrieen. 


Der Zug war am späten Montagnachmittag rund zehn Kilometer vor der Hauptstadt der teilsouveränen Republik bei Bioce entgleist. Dichtstehende Bäume bremsten den Sturz der vordersten Waggons in die Schlucht etwas ab, so daß sie etwa 40 Meter oberhalb eines Flusses liegen blieben. Die Helfer reihten die geborgenen Leichen am Grund der Schlucht auf und bedeckten sie mit Decken. Wie ein Augenzeuge aus der Schlucht berichtete, lagen überall Handys der Opfer verstreut. "Am ganzen Absturzort klingelten zwischen den Büschen und Steinen ständig Mobiltelefone." 


Die Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Verkehrsminister Andrija Lompar und Eisenbahnchef Ranko Medenica reichten kurz nach dem Unglück ihren Rücktritt ein. Die Behörden leiteten eine Untersuchung ein und nahmen den Zugführer fest. Präsident Filip Vujanovic, der gemeinsam mit Ministerpräsident Milo Djukanovic noch am Montag abend zur Unfallstelle eilte, sprach von einer schrecklichen Tragödie. 


Die Opposition verlangte den Rücktritt der gesamten Regierung, die für den schlechten Zustand der Bahnstrecke verantwortlich sei. Die Regierung lehnte das mit der Begründung ab, Eisenbahnunglücke ereigneten sich auch in wirtschaftlich entwickelteren Staaten. Die Bahntrasse im gebirgigen Hinterland der Adriaküste gilt als besonders gefährlich, weil sie in den letzten Jahrzehnten nur notdürftig repariert worden war. Im Februar letzten Jahres war ganz in der Nähe ein Güterzug entgleist. 


Artikel erschienen am Mi, 25. Januar 2006

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